EDELRID – Traditionsunternehmen „Made in Germany“

Wen es nach Isny im Allgäu verschlägt, den erwartet ländliche Idylle, das für das Allgäu typische Braunvieh und eine bergige Landschaft. Doch auch begeisterte Sportkletterer und kletternde Baumpfleger kennen diesen Ort – oder zumindest eines der dort ansässigen Unternehmen. Seit 1863 befindet sich der Firmensitz von EDELRID in der kleinen Stadt. Und dieses Unternehmen steht wie kein zweites für Qualitätsprodukte rund ums Seil und ums Klettern „Made in Germany“.

Widerruf

In einer früheren Fassung dieses Artikels befand sich folgender Text:

„Doch nicht nur Brände bedrohten die Existenz des Traditionsunternehmens. […] Doch Claus Benk, der damalige Firmenchef und Enkel von Carl Ridder, hatte 1994 einen schweren Reitunfall. Durch die daraus folgende Querschnittlähmung war er schließlich gezwungen, die Firma an seinen Bruder zu übergeben. Allerdings fehlte diesem das notwendige kaufmännische Geschick. Und so musste Edelrid letztendlich verkauft werden.“

Diese Aussagen sind sachlich falsch. Wir stellen sie wie folgt richtig:

Herr Claus Benk ist Urenkel von Carl Ridder und war bis zum Verkauf des Unternehmens Mitgeschäftsführer. Claus Benk erlitt 1992 einen schweren Reitunfall und ist infolge dessen querschnittsgelähmt. Er war seither bis zum Verkauf des Unternehmens nicht mehr aktiv für das Unternehmen tätig. Die Behauptungen, Claus Benk sei durch die Querschnittslähmung gezwungen gewesen, das Unternehmen an seinen Bruder Axel Benk zu übergeben, diesem habe das notwendige kaufmännische Geschick gefehlt, und das Unternehmen habe aus diesem Grunde letztlich verkauft werden müssen, werden von uns als unwahr widerrufen.“

Qualitätsprodukte „Made in Germany“

Was im 19. Jahrhundert noch – ähnlich wie heute „Made in China“ – für minderwertige Plagiate stand, ist heute eine Art Gütesiegel. „Made in Germany“ bedeutet hochwertige Produkte mit hohen Qualitätsstandards. Zwar ist die Bezeichnung an keine verbindlichen Richtlinien gebunden. Dennoch gilt im Allgemeinen ein Produkt dann als „Made in Germany“, wenn der wesentliche Teil der Wertschöpfung in Deutschland stattgefunden hat.

Und genau das hat sich EDELRID zum Motto genommen. Nach wie vor findet der Hauptteil der Produktion – circa 60 Prozent – im kleinen Isny im Allgäu statt. Das soll auch in Zukunft so bleiben: Ein neues Bürogebäude entsteht direkt neben Lager, Seilproduktion und Näherei. Zwischen Alt- und Neubau wird ein Trainingscenter integriert. So können neue Produkte besser vor Ort unter realen Bedingungen getestet werden.

EDELRID: Firmensitz in Isny, Foto: Daniel BartschAbwechslungsreiche Geschichte

Dieses Bekenntnis zu den Ursprüngen und somit zum Standort Isny war nicht immer ganz einfach. Ursprünglich befand sich der Betrieb von den Anfängen 1863 bis ins Jahr 1958 inmitten des Stadtkerns. Nach einem schweren Brand entschloss man sich, den Betrieb am östlichen Stadtrand wieder aufzubauen. 1973 wurde der Betrieb erneut Opfer von Flammen und ein weiteres Mal zerstört. Wieder wurde ein Neuanfang notwendig, diesmal jedoch ohne Standortwechsel. Lediglich während der Aufbauphase, die mit viel Engagement, Überstunden und Herzblut der Mitarbeiter gemeistert wurde, waren Produktion und Verwaltung vorübergehend in verschiedenen provisorischen Einrichtungen in Isny verstreut untergebracht – bis 1974 in den neuen Gebäuden alles wieder normal laufen konnte.

EDELRID und VAUDE

Von der Gründung 1863 bis ins Jahr 2000 blieb das durch den Kaufmann und Alpinisten Julius EDELmann und Techniker Carl RIDder gegründete Unternehmen in Familienbesitz. 2001 wechselte EDELRID den Besitzer und wurde in einen Großkonzern integriert. Der britische Seilhersteller „The Rope Company Ltd“, damals der weltgrößte Seilhersteller, erweiterte durch den Kauf der Firma sein Portfolio. Die Allianz währte nicht lange. Denn fünf Jahre später, im Jahr 2006, meldeten die Briten Insolvenz an. Albert von Dewitz, der sich schon 2000 für EDELRID interessierte, übernahm die Firma. Von Dewitz, Firmengründer und Inhaber von VAUDE, überführte so die Firma wieder in ein Familienunternehmen und zurück auf die Erfolgsspur. Vielleicht ist es die gemeinsame Sprache, die EDELRID im VAUDE-Verbund erfolgreich hält. Denn VAUDE, in der Nähe des Bodensees gelegen, ist ebenfalls eine Allgäuer Firma und liegt nicht weit entfernt vom EDELRID-Firmensitz in Isny.

Prinzipiell sind beide Firmen unabhängig voneinander, VAUDE wird von der Tochter von Albert von Dewitz geleitet. Gemeinsam ist ihnen – neben der allgäuerischen Heimat – eine weitere Produktionsstätte in Vietnam. Im sogenannten VAUDE-Village mitten im Dschungel befinden sich 25 Prozent der Gesamtproduktion von EDELRID. Doch auch hier hat man ein wenig das Gefühl von „Made in Germany“: Es wird nach deutschen Qualitäts- und vor allem auch Sozialstandards produziert.

Schicksalsschläge bleiben nicht aus

Zwar geht es für EDELRID seit der Übernahme durch von Dewitz stetig bergauf. Doch das Schicksal schlägt noch immer zu. Mitte 2017 verunglückte Carsten von Birckhahn – einer von zwei Geschäftsleitern – bei einem Gleitschirm-Flug tödlich. Er war zuständig für die strategische Entwicklung, das Brand Management und den Großkundenbereich. Trotz großer Trauer bei Mitarbeitern und Kollegen geht es aber weiter. Denn bei EDELRID arbeitet man und hält vor allem fest zusammen.

Seile ziehen sich durch die Firmengeschichte

EDELRID: Verschiedene Seile, Foto: Daniel BartschGanz so, wie viele einzelne, dünne Garne gemeinsam zu einem starken, reißfesten Seil werden. Das Garn, aus dem die Seile bestehen, wird übrigens zugekauft – und gehört somit zu den restlichen 15 Prozent der Gesamtproduktion. Denn diese 15 Prozent bestehen aus zugekauften Teilen. Die Seile selbst wurden von Anfang an in Isny produziert: Das Unternehmen startete als Litzen- und Kordelfabrik. 1953 kam dann der große Durchbruch im Bergsport mit der Entwicklung und Produktion des ersten Kernmantelseils. 11 Jahre später folgte mit dem Multi-Sturz-Seil – mittlerweile das dynamische Bergseil – die nächste Innovation.

Diese lange Geschichte der Seilproduktion mündet heute in mehreren Millionen Kletterseil pro Jahr, die in Isny produziert werden. Auch hier wird Wert auf Qualität à la „Made in Germany“ gelegt. Nach zahlreichen, aufwendigen Arbeitsschritten, in denen das ursprüngliche Garn zu Schals verstrickt, geschrumpft und wieder aufgetrennt wird, entsteht an den Flechtmaschinen schließlich das fertige Seil. In der Konfektion wird jeder Meter Seil, der EDELRID verlässt, noch einmal haptisch überprüft und auf Fehler untersucht.

Tradition und Innovation treffen Nachhaltigkeit

EDELRID: Verschlüsse für SeilspulenEDELRID erfüllt seit 2009 als erster Seilhersteller den bluesign® Umweltstandard – von der Faserauswahl über die Produktion bis hin zum Verkauf. Im kunterbunten Dynamikseil Parrot werden im Mantel Garnreste aus der Seilproduktion weiter verwertet. Im Steigeisen Talon wiederum werden Seilreste verarbeitet. An anderer Stelle reduziert EDELRID nicht den eigenen Müll, sondern recycelt fremden Abfall: Die Verschlüsse der Seilspulen werden aus alten Alu-Bierfässern gestanzt.

Doch damit hört das Thema Nachhaltigkeit bei EDELRID noch nicht auf. Das Zentrallager befindet sich nicht in Isny, sondern in Tettnang am Bodensee. Würden die Waren aus der Produktion herkömmlich dorthin geliefert, wären die LKWs bei der Rückfahrt leer – und eine Fahrt somit umsonst. Bei Früchte Jork, einer Nachbarfirma in Isny, ist es wiederum genau umgekehrt. Die Bodensee-Äpfel wachsen in der Nähe des EDELRID-Zentrallagers und müssen von dort nach Isny transportiert werden. Und so teilen sich beide Firmen die LKWs: Von Isny geht es mit Kletterausrüstung und Seilen an den Bodensee, zurück füllen Äpfel die Ladeflächen.

Aufgebaut auf vier Säulen

Wie bereits erwähnt, startete das Traditionshaus als Litzen- und Kordelfabrik und orientierte sich dann auch bald in Richtung (Berg-)Sport. Dieser Ursprung ist einer der vier Marktbereiche, in denen EDELRID tätig ist. Neben dem Sport gehören noch Adventure Parks, Industrie und natürlich Work Safety dazu. Neben Klettersteigsets, Klettergurten, Sicherungsgeräten und Kletterseilen – die vor allem in den Bereichen Sport, Work Safety und Adventure Parks verkauft werden – sind es im Industrie-Sektor u. a. schmale Leinen. Diese werden in Gleitschirmen und der Autoproduktion verwendet. Sie finden sich zum Beispiel bei Cabrios der Marke Lamborghini im Dach.

Und plötzlich … Baumpflege

EDELRID: XP-e BaumkletterseileZu Work Safety gehört neben anderen auch der Bereich der Baumpflege. Dazu ist EDELRID sprichwörtlich wie die Jungfrau zum Kinde gekommen – und zwar durch niemand geringeren als Johannes Bilharz, den Geschäftsführer der Freeworker GmbH und der Münchner Baumkletterschule. In den späten 90ern gab es in Europa noch keinen Seilhersteller, der Seile speziell für die Baumpflege produzierte. Diese mussten umständlich aus den USA importiert werden.

Das sprach Johannes Bilharz beim Besuch eines EDELRID-Vertreters an – und der war sich sicher, dass das überhaupt kein Problem sein sollte. Also nahm er ein Seilmuster eines amerikanischen Baumkletterseils mit nach Isny und versprach mit einem Baumklettterseil „made in Germany“ wiederzukommen. Doch wie das immer so ist, wenn man unbekanntes Terrain betritt, gab es zunächst Startschwierigkeiten.

Die ersten Vorschläge aus dem eigenen Sortiment waren eben keine echten Baumkletterseile, das erste selbst hergestellte Baumkletterseil wiederum wies noch einige Kinderkrankheiten auf. EDELRID blieb aber auch nach den ersten Rückschlägen am Ball. Gemeinsam mit Baumkletterern und Fachhändlern wurde schließlich das X-P*-Seil entwickelt und 2002 der Öffentlichkeit vorgestellt. Mittlerweile ist die Weiterentwicklung dieses Seils in verschiedenen Varianten unter dem Name XP-e auf dem Markt und in der Baumkletter-Szene sehr beliebt – eben echte Qualität „Made in Germany“.

Zukunftsmusik

Pläne für die Zukunft gibt es natürlich auch. Der Bereich Work Safety soll weiter ausgebaut und neue Märkte erschlossen werden. In den USA z. B. ist EDELRID bislang nur in der Arboristik tätig. In den restlichen Teilbereichen wie dem Industrieklettern steht die Zertifizierung im Weg. Zwar sind alle Produkte für den europäischen Markt zertifiziert. Leider sind die Standards aber weltweit nicht einheitlich. Für die USA müsste jedes Produkt noch einmal entsprechend den dort geltenden Standards zertifiziert werden. Das ist ein aufwendiger Prozess – der Zeit und Geld kostet.

Trotzdem ist auch in den USA „Made in Germany“ ein Gütesiegel, dem vertraut wird und das man gerne kauft. Aus diesem Grund hat EDELRID gemeinsam mit SherillTree das oben bereits erwähnte Talon Steigeisen entwickelt. SherillTree ist ein amerikanischer Händler und Hersteller von Baumpflege- und Baumkletter-Produkten – ihre eigenen Produkte vertreiben sie unter der Marke „Notch“. Das Talon passt sich wie kaum ein anderes Steigeisen individuell an den Träger an. Außerdem ist es eines der leichtesten Steigeisen, die derzeit erhältlich sind.

Auch in Europa und Deutschland ist die Sache mit den Vorschriften nicht immer ganz einfach. So müssen alle Produkte kontinuierlich an neue Verordnungen angepasst werden. Ab April 2018 findet beispielsweise die neue PSA-Verordnung von 2016 Anwendung. Bis dahin müssen alle PSA-relevanten Produkte entsprechend überprüft und ggf. überarbeitet werden. Die Arbeit mit und an den Produkten hört also niemals auf. Schließlich soll „Made in Germany“ – und ganz besonders „Made by EDELRID“ – auch in Zukunft weiterhin für höchste Qualität stehen!

Galerie: (Seil-)Produktion bei EDELRID

Fotos: Daniel Bartsch
Ausnahmen: Verschlüsse für Seilspulen, XP-e Baumkletterseile


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