Freeworker unterwegs: Petzl RopeTrip 2018

Vor sechs Jahren etablierte Petzl mit dem RopeTrip ein internationales Event für Seilzugangstechniker. Mittlerweile gilt es in der Szene als inoffizielle Weltmeisterschaft. Neben dem Wettbewerb steht insbesondere der weltweite professionelle Austausch von Wissen und Technik im Seilklettern – ähnlich den nationalen und internationalen Baumklettermeisterschaften – im Vordergrund. Alle zwei Jahre treffen sich Teams aus der ganzen Welt, um bei verschiedenen Aufgaben ihr Talent und Können unter Beweis zu stellen.

Für die vierte Auflage wählte Petzl erstmals einen Standort in Deutschland für den RopeTrip aus. In einem stillgelegten Stahlwerk, das die Stadt Duisburg mittlerweile zu einem Landschaftspark und Industriedenkmal umgewandelt hat, schlugen die Organisatoren vom 7. bis 9. Juni das Basecamp auf. Das vergleichsweise junge professionelle Industrieklettern traf auf den rostigen Charme des Ruhrgebiets.

Großes Interesse am Petzl RopeTrip

Damit niemand in der Dunkelheit klettern muss, ist das Teilnehmerfeld auf 40 Teams à drei Personen beschränkt. Innerhalb von zwei Tagen waren die wenigen Startplätze von Teams aus aller Welt ausgebucht. Einige Teams qualifizieren sich über nationale Vorentscheide. Egal, ob aus Europa, Asien oder Süd- und Nordamerika, der Petzl RopeTrip ist ein begehrtes Ziel unter Industriekletterern. Dabei können sich auch Kletterer aus verschiedenen Nationen in einem Team zusammenschließen. 2018 gab es erstmals ein reines Frauenteam.

Aufgebaut ist das Event aus einer Vorrunde mit vier Stationen. Drei Stationen klettert jedes Teammitglied allein. Nützliche Tipps von außen durch die anderen Teammitglieder sind natürlich erlaubt. Die vierte Prüfung klettern die Teammitglieder zusammen und die Punkte gibt es für die gemeinsame Leistung. Da die Stationen alle herausfordernd und zeitintensiv sind, erstrecken sich die Vorwettkämpfe über drei Tage. Am Ende des letzten Tages ziehen die vier besten Mannschaften in das Head-to-Head Halbfinale ein, bevor im großen Finale die verbleibenden zwei Teams den Sieger ermitteln.

Zusätzlich gibt es beim Petzl RopeTrip ein Climb up Race, in dem die schnellsten Kletterinnen und Kletterer gesucht werden. Am schnellsten hoch und runter waren Dimitriy Nabatchikov (Russland) und Cintia Gobo (Brasilien). Wie bei anderen Kletterwettkämpfen gibt es vor dem Wettkampf den bekannten Gear-Check. Zusätzlich müssen alle Teilnehmer in einem kurzen Skill-Check zeigen, dass sie die gestellten Aufgaben bestehen können. Ein Symposium mit verschiedenen Rednern und Themen rund um die Seilklettertechnik begleitet die sportlichen Wettkämpfe.

Nichts verschütten – die Water Bucket Challenge

Die spektakulärste Station in Duisburg war die Water Bucket Challenge. Der Kletterer nahm einen vollen Eimer Wasser, der mit einem Seil an seinem Gurt befestigt war, mit auf einen anspruchsvollen Parcours. In Duisburg lag dessen höchster Punkt auf der Spitze eines 70 Meter hohen Hochofens. Anschließend ging es über eine Traverse auf das Nachbargebäude und von da aus zurück zum Start.

Ziel ist es, möglichst wenig Wasser beim Durchsteigen der Strecke zu verlieren. Aber Achtung, die Zeit ist limitiert. Von zwölf Litern waren beim Sieger Antoine Quidoz aus Frankreich nach 20 Minuten Klettern lediglich 140 Milliliter Wasser aus dem Eimer geschwappt.

Gefragt war die perfekte Mischung aus präzisem, sauberem Klettern und Geschwindigkeit. Dabei schwebten die Teilnehmer nicht ständig am Seil – auch über Leitern, Rohre oder andere Hindernisse musste man klettern. Da der zu erkletternde Hochofen mittlerweile ein Aussichtsturm ist, konnten Besucher und Teilnehmer die Kletterer aus nächster Nähe direkt beobachten.

Gezielt verschütten – im Kohlebunker

Der ehemalige Kohlebunker des Stahlwerks und heute Kletterpark für Freizeitsportler war die Kulisse für eine weitere Station. Das gezielte Positionieren eines Objektes im Raum mittels verschiedener Seilzugsysteme ist direkt aus dem Arbeitsalltag des Industriekletterers gegriffen. Alle Aufgaben des Petzl RopeTrip sollen möglichst an den täglichen Alltag der professionellen Kletterer angelegt sein.

Nachdem eine Eisentonne mit ausreichend Split gefüllt worden war, ging es für den Kletterer in die Wand. Dort hingen die Seile, mit denen er die 70 bis 80 Kilogramm schwere Tonne über einen Umweg zum Ziel manövrieren und ausleeren musste. Nur der Split, der durch ein kleines Loch ins Ziel rieselte, zählte für die Wertung. Fast 69 Kilo zeigte die Waage für den Besten der Station an, Dimitriy Nabatchikov aus Russland. Auch weitere Teilnehmer erreichten ähnliche Werte.

Ein riesiges Krokodil und Billard hoch oben

Schnell und sicher Traversieren war das Thema der Station „Krokodil“, einem alten riesigen Verladekran. Wie bei anderen Stationen des Petzl RopeTrips auch kletterten zwei Teilnehmer parallel. Nach dem Aufstieg hoch zum alten Eisen galt es den Weg von circa 20 Metern unterhalb des Auslegers über Loops und Seilstränge bis zur Abfahrt zu klettern. Für den Kletterer hieß das, ständig das Seil wechseln, zum nächsten Seil schwingen, Distanzen abschätzen und wieder kurz aufsteigen. Die Zeit stoppte, wenn der Boden erreicht war. Beim Schnellsten – Mikhail Rafikov aus Russland – dauerte das 7:19 Minuten.

Direkt am Basecamp unter dem Dach der alten Gießhalle lag die einzige Station, die die Teams zusammen kletterten. Zwei Billardtische hatten die französische Experten, die bisher alle Stationen der Petzl RopeTrips aufgebaut hatten, 10 Meter nach oben gezogen. Die Aufgabe für die Teams: alle Pucks (für Kugeln waren die „Tische“ zu wackelig) einlochen. Also, schnell nach oben klettern und sich mittels Seilen immer wieder neu positionieren, damit die 15 Pucks mit dem Queue sauber versenkt werden konnten. Das zunächst nach viel Zeit klingende Zeitlimit von 45 Minuten war für viele Teams dennoch zu knapp. Nur sieben Teams gelang es, alle Pucks zu versenken.

Das entscheidende Halbfinale

Nachdem alle Kletterer oder Teams einmal jede Station abgeschlossen hatten, standen die Teilnehmer des Halbfinales fest. Zwei Teams aus Russland und je ein Team aus Kanada und Frankreich erreichten die meisten Punkte. Die deutschen Teams landeten auf den Plätzen 19, 28 und 31. Das einzige Team aus Österreich beanspruchte Platz 18 und die Schweizer Teams 21 und 27.

Ein rostiges Stahlgerüst mit einem Windrad auf der Spitze war der Schauplatz des Halbfinales. Als Szenario wählten die Veranstalter die Rettung von drei Verletzten aus verschiedenen Situationen. In der sanften Stimmung des Abendlichtes kletterten je zwei Teams gleichzeitig los. Wer zuerst alle drei Verletzen auf dem Boden hatte, stand im Finale.

Im ersten Halbfinale setze sich zunächst deutlich das französische Team Astros’s gegen Evpator Moscow durch. Doch ein grober Fehler – ein Franzose war für zwei Sekunden nur einfach gesichert – bedeutete die Disqualifikation. Das zweite Halbfinale zwischen RAT aus Kanada und JEDI aus Russland ging an die Nordamerikaner.

Die russischen Gewinner aus dem ersten Halbfinale verzichteten jedoch aufgrund der Umstände des Sieges auf das Finale. Nach langen Diskussionen entschieden die Jury und die vier Halbfinalteams, dass die Gewinner aus dem zweiten Halbfinale – Team RAT – die Sieger des Petzl RopeTrips 2018 sind. Zum Abschluss folgte noch ein Schaufinale, an dem alle vier Halbfinalisten teilnahmen und jeweils in zwei Teams zusammenarbeiteten. In der großen Halle, in der anschließend auch die große Party startete, bauten die jetzt 6-köpfigen Teams die beiden Billard-Tische innerhalb weniger Minuten komplett ab.

Drei Personen mit kanadischer Flagge recken eine Pokal nach oben.

Die Sieger des Petzl RopeTrip 2018: RAT aus Kanada. © Petzl / Lafouche

 

Der Petzl RopeTrip – eine lohnende Reise!

Ein Blick über den Tellerrand schadet in den seltensten Fällen. Auch wenn Industrie- und Baumkletterer in ihren jeweiligen Techniken und Aufgaben teilweise weit auseinander liegen, kann ein Blick zum Kollegen dennoch von Vorteil sein. Unter den 120 Kletterern war zumindest auch ein Baumkletterer aus Deutschland, der sich den Aufgaben stellte. Und im Publikum war der ein oder andere interessante Zuschauer mit „grünen Kletterhintergrund“ zu erkennen. Auch wenn der Petzl RopeTrip 2020 wahrscheinlich nicht in Deutschland stattfinden wird, ist das Event – egal, ob als Zuschauer oder Teilnehmer – sicherlich auch für Baumpfleger interessant. Wie gesagt, ein Blick aus der Baumkrone kann nicht schaden.

Teile diesen Beitrag:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.